Als das Tram noch Herzen verband – Hans Tenger und das Tram, das sein Leben prägte
Hans Tenger beginnt seine Geschichte nicht mit einem Lebenslauf, sondern mit einem Bild. Ein Tram. Und eine junge Frau, die nicht einfach «irgendeinen» Wagen nahm. «Damals warteten die jungen Frauen noch auf das Tram mit dem richtigen Fahrer», erzählt er mit einem verschmitzten Lächeln. Und so verwundert es nicht, dass er seine spätere Frau auf dem Tram kennenlernte – mitten im Betrieb, mitten im Takt, dort, wo sich damals das Leben vieler Menschen abspielte.
Von der Koreakrise zur Strassenbahn Schleitheim–Schaffhausen
Hans Tenger machte eine Maurerlehre und arbeitete danach bei den SBB in Bülach als Betriebsarbeiter. Dann kam eine Krise auf dem Arbeitsmarkt, ausgelöst durch den Koreakrieg. In Schleitheim, wo er aufwuchs, war Arbeitslosigkeit verpönt. «Bei uns stempelt man nicht», hiess es. «Eher gehst du zum Arbeiten in den Wald.»
Zwei Kollegen von Hans Tenger waren damals bereits bei der Tramverbindung Schaffhausen–Schleitheim. Sie überzeugten ihn, es ebenfalls dort zu versuchen. 1956 trat er in die Dienste der damaligen Strassenbahn sowie der Autoverbindung Schaffhausen–Schleitheim ein.
Zunächst arbeitete Tenger im Depot und half im Fahrdienst aus. Es war eine Zeit, in der öffentlicher Verkehr durchaus noch «handfest» war: Etwa, wenn beim Güterbahnhof Schaffhausen Vieh von Eisenbahnwagen auf Transporter verladen wurde, die man an die Trams anhängte. Damit ging es dann direkt zum Schlachthof im Ebnat.
Dankbar für die Umstellung auf den Busbetrieb
1963 wurde Hans Tenger zum Wagenführer befördert. Aber bereits im Jahr darauf kam der Umbruch: Mit der Umstellung vom Tram auf den Autobusbetrieb wurde er zum Buschauffeur umgeschult. Auf diese Umstellung habe man sich gefreut, sagt er. In den Trams sei es im Winter oft kalt gewesen, die Scheiben häufig vereist. Mit dem Bus wurde es abwechslungsreicher – auch wegen Extrafahrten, etwa für Hochzeitsgesellschaften.
Bei uns stempelt man nicht.
Seit 1987 hatte er zusätzlich die Stellvertretung des Stationsvorstandes in Schleitheim übernommen – eine Aufgabe, die nicht glänzt, aber den Betrieb zusammenhält.
1995, nach fast 39 Dienstjahren, war Schluss. In der Würdigung zu seinem Abschied von den Verkehrsbetrieben ist von einem «allseits beliebten Buschauffeur» die Rede, dessen Wort bei Kollegen wie Vorgesetzten Gewicht hatte. Er habe mit seiner Meinung nie hinter dem Berg gehalten, sagt Tenger im Gespräch. Aber er habe es immer mit allen gut gekonnt. Was er nie suchte, waren politische Diskussionen über den öffentlichen Verkehr.
Aber er erinnert sich gut an ungeschriebene Regeln jener Zeit: Als Tram- oder Busfahrer kaufte man kein Auto – das galt schnell als Verrat. Auch heute nutzt er den öffentlichen Verkehr regelmässig. Den Führerausweis hätte er zwar noch, nicht aber ein Auto. Er geht lieber mit dem Bus in die Stadt. «Ich zahle nicht gerne Parkgebühren», sagt er, erneut mit einem Augenzwinkern.
In Siblingen daheim – und immer noch viel unterwegs
Nach wie vor lebt er im eigenen Haus in Siblingen. Herd und Ofen werden mit Holz eingeheizt, auch die Fenster putzt er noch selber. Unterstützt wird er im Haushalt von seiner liebevollen Partnerin. Obstbäume waren lange Hans Tengers Leidenschaft, und viele Jahre war er auch begeisterter Imker.
Und wenn er heute in Siblingen unterwegs ist, kehrt er gern im «Trämli-Bistro» ein – einem liebevoll umgebauten Bahnwagen, der im Dorf Erinnerungen wachhält. Für Hans Tenger ist das nicht Nostalgie um der Nostalgie willen. Es passt zu seiner Biographie. Denn manchmal beginnt eine Lebensgeschichte eben nicht mit einem Plan – sondern mit einem Tram, zur richtigen Zeit, mit dem richtigen Fahrer.
