Der Autobusbetrieb – Rattin AG als Teil der Erfolgsgeschichte
Am 1. August 1928 ersetzte ein Autobus probeweise die Tramlinie auf der Breite. Der Entscheid fiel in wirtschaftlich schwierigen Zeiten – man suchte nach flexibleren und kostengünstigeren Lösungen. Der Betrieb wurde der Firma Rattin übertragen, während die damalige Schaffhauser Strassenbahn die Aufsicht behielt.
Die neue Buslinie führte vom Obertor über das Schützenhaus bis nach Neubrunn – und traf auf Anhieb einen Nerv. Die Fahrgastzahlen übertrafen jene des früheren Trambetriebs deutlich. Wo das Tram jährlich rund 180'000 Personen beförderte, nutzten bereits im ersten vollen Betriebsjahr rund 400'000 Fahrgäste den Bus. 1929 wurde der Betrieb durch die Firma Rattin definitiv eingeführt.
Ausbau in bewegten Zeiten
In den folgenden Jahren wuchs das Busnetz stetig. Die wirtschaftlich schwierigen 1930er-Jahre und die Einschränkungen während des Zweiten Weltkriegs – etwa durch Treibstoffmangel oder sogar den zeitweisen Einsatz von Holzvergasern – verlangten dem Betrieb von Rattin einiges ab. Dennoch bewies der Autobus seine Anpassungsfähigkeit. Fahrpläne wurden den Bedürfnissen und Möglichkeiten angepasst und selbst unter erschwerten Bedingungen blieb die Grundversorgung gewährleistet.
Mit dem Ende des Krieges setzte ein eigentlicher Aufschwung ein. Neue Quartiere entstanden, die Bevölkerung wuchs – und mit ihr der Bedarf an öffentlicher Mobilität. Ab 1946 folgten in rascher Folge neue Linien (siehe Box «Der Autobus als Rückgrat»). 1952 wurde sogar eine saisonale Linie zur Rheinbadeanstalt und zum Strandbad Langwiesen eröffnet – ein frühes Beispiel für bedarfsgerechte Freizeitverbindungen.
Die Fahrgastzahlen entwickelten sich beeindruckend: Innerhalb weniger Jahre verdoppelten sie sich, überschritten 1958 die Vier-Millionen-Grenze und kletterten wenig später auf über fünf Millionen.
Der Autobus als Rückgrat
1991 endete das Vertragsverhältnis mit der Firma Rattin, verbunden mit der Übernahme von 49 Mitarbeitenden in die städtischen Dienste. Die Geschichte von Rattin im Schaffhauser öffentlichen Verkehr war damit indes nicht vorbei. Im Gegenteil: Nach der Integration des städtischen Autobusbetriebs in die Verkehrsbetriebe blieb Rattin im Kanton als Anbieter und Partner präsent. In einer neuen Rolle, mit neuen Spielregeln – und sicher auch deutlich mehr Wettbewerbsdruck.
Ein markanter Wendepunkt kam 2003. Nach dem Rückzug von PostAuto aus dem Kanton mussten Leistungen neu organisiert werden; es begannen Vertragsverhandlungen mit den Regionalen Verkehrsbetrieben Schaffhausen (RVSH). Rattin trat dabei als Subunternehmer im regional koordinierten Netz auf – und musste sich zuerst vor dem Verwaltungsrat der RVSH behaupten.
Engagement, Herzblut und Verbundenheit
Regula Schlatter-Lang, mit ihrem Mann Erich Geschäftsführerin der Rattin AG, erinnert sich an diese Phase als Bewährungsprobe – aber auch als Chance: «Wir konnten schnell das Vertrauen in uns rechtfertigen. Vor allem im operativen Betrieb hatten wir eine tolle Zusammenarbeit.» Und dann schwingt auch etwas Wehmut mit, wenn sie ergänzt: «Ortsverkehr war für uns immer mehr als nur ein Auftrag: Da waren viel Engagement und Herzblut dabei.»
Dass die Verbundenheit früh begann, erzählt Regula Schlatter-Lang mit einer kleinen Szene aus der Kindheit: Sie ging mit der Grossmutter zur Bank, um das Geld für die Löhne der Chauffeure abzuheben. Mit einer grosen Tasche voller Bargeld ging es dann zurück in den Betrieb. Keine grosse Geste, aber ein Bild, das bleibt: Verantwortung war bei Rattin immer auch sehr konkret.
Diese Verbundenheit wurde 2021 nochmals auf die Probe gestellt. Über Jahrzehnte prägte Rattin den regionalen Busverkehr im Auftrag von PostAuto und später der Verkehrsbetriebe mit, unter anderem auf den Linien Richtung Opfertshofen/Thayngen, Merishausen/Bargen, Dörflingen/Ramsen und Hemmental. Mit dem Fahrplanwechsel vom 12. Dezember 2021 gingen diese Fahraufträge vollständig an die vbsh über – eine Folge der Zusammenführung von städtischem und regionalem Busbetrieb.
Für Rattin war das kein leichter Einschnitt und ging nicht ganz ohne Nebengeräusche über die Bühne. Heute sei der Betrieb mit seinen derzeit 53 Mitarbeitenden gut aufgestellt – mit klaren Standbeinen: Reisebusbetrieb, Linienleistungen für PostAuto im Zürcher Weinland und im Thurgau sowie zwei Reparaturwerkstätten, die auch für Dritte arbeiten.
100 Jahre Rattin – und der Wechsel zur nächsten Generation
Parallel dazu läuft in der Firma ein Generationenwechsel. Ab 2027 übernehmen Laura Schlatter und ihre Schwester Nadine die Geschäftsführung – im Jubiläumsjahr zum 100-jährigen Bestehen.
Für Laura, die bereits in der Geschäftsleitung Einstz genommen hat, fiel der endgültige Entschluss zum Einstieg während Corona. Plötzlich war vieles fragil – und gerade deshalb klar: «Es muss weitergehen.» Gleichzeitig verändert sich Mobilität heute schneller als je zuvor. Beim Nahverkehr ist die Richtung mit Elektroantrieb gesetzt; bei Reisecars bleiben Infrastruktur und Reichweite ein Engpass. Und bei Ausschreibungen spürt ein mittelgrosses Unternehmen die Volatilität besonders: Wo früher Konzessionen über zehn Jahre Planungssicherheit gaben, werden Aufträge heute teils nur noch kurzfristig vergeben – je nach Kanton anders. Das macht die Zukunft noch anspruchsvoller. Rattin kennt diesen Modus seit Jahrzehnten: sich anpassen, ohne das Eigene zu verlieren – und dort mitfahren, wo die Region es braucht.