Pionierin am Steuer: Die Vorurteile sassen mit im Bus
Annemarie Lehmann wollte nie «ein Zeichen setzen». Sie wollte fahren – einfach, weil sie es konnte. Dass sie damit in Schaffhausen zur ersten Buschauffeuse wurde, war weniger ein Plan als die logische Folge eines Lebens, in dem grosse Fahrzeuge früh ganz normal waren: Sie wuchs auf einem Bauernhof auf, sass als junge Frau auf dem Traktor, lange bevor irgendjemand daraus eine «Story» machte.
Ihr beruflicher Weg hatte die eine oder andere Kurve parat. Nach einer Verkaufslehre stieg sie ins Transportgeschäft ein, fuhr Taxi – und schaute, wie sie erzählt, den Lastwagen nach. Sie glaubte den Chauffeuren nicht, die ihr sagten: «Du kannst das nicht». Also machte sie die Lastwagenprüfung. Und bekam gleich beim ersten Anlauf zu spüren, wie zäh es werden konnte, wenn man als Frau in einem Männerberuf auftauchte: sauber rückwärts an einen Eisenbahnzug parkiert – und trotzdem kam das «Nein» des Experten. Sie blieb dran. Beim dritten Mal klappte es.
Ein Job, der plötzlich «Aufsehen» erregte
1974 landete sie in Schaffhausen bei der Firma Rattin, die damals im Auftrag der Stadt Linienkurse bediente und damit den Busbetrieb in Schaffhausen massgeblich prägte.
Und dann sass sie da: am Steuer. Das Echo war am Anfang unerquicklich. Manche zeigten mit dem Finger, andere stiegen gar nicht erst ein, wenn sie vorne sass. In den ersten Tagen wurde intern improvisiert, um die Situation zu entschärfen: Beim Start am Bahnhof sass zunächst ein Kollege vorne, nach kurzer Strecke wurde gewechselt. Für Annemarie Lehmann war klar, dass das keine Lösung sein konnte. Sie ging zum Chef und sagte sinngemäss: «So geht es nicht, ich höre wieder auf.» Der Chef aber wollte sie nicht verlieren.
Ich wollte nie ein ‹Zeichen setzen›. Ich wollte fahren – einfach, weil ich es konnte.
Er machte ihre Anstellung sichtbar, mit medialer Unterstützung auch nach aussen – und damit wurde allmählich normal, was zuvor als «Sensation» galt. Das Misstrauen verschwand nicht über Nacht, aber es bröckelte. Wer regelmässig fuhr, kannte sie bald. Und wer sie kannte, stieg ein. Heute lacht sie über diese anfänglichen Vorurteile. Damals war ihr nicht immer danach.
Zwischen «Bügeleisen» und Engagement für Behinderte
Sie mochte die Diskussionen nicht, sie mochte den Job. Also blieb sie ruhig, auch wenn die Sprüche wieder kamen. Trotz Respekt machte sie später die Trolleybusprüfung. Dass man den Trolleybus im Volksmund «Bügeleisen» nannte, passt: Es klingt harmlos, bedeutete aber Arbeit, Konzentration, Verantwortung. Und viele Stunden, in denen man einfach sauber abliefern musste.
Den Verkehrsbetrieben blieb sie bis zu ihrer Pensionierung Mitte 2006 treu. Ihr Pensum war nicht immer gleich hoch – auch, weil sie neben dem Fahren etwas aufbaute, das ihr genauso wichtig wurde: den Rollstuhl/Behinderten-Sportclub Kinder und Jugendliche Schaffhausen, später «Rolli-Club und Ki-Tu» Sie wollte nicht hinnehmen, dass Sport und Bewegung für behinderte Kinder keine Selbstverständlichkeit waren. Also organisierte sie wöchentliche Turnstunden für diese Kinder sowie junge und ewachsene Rolllstuhlfahrer. Sie lernte dazu. Machte Ausbildungen. Und nahm auch in diesem Bereich, ihrer Art entsprechend, das Steuer in die Hand.
Gesundheitlich bedinger Umzug in den Süden
Der Beruf hinterliess Spuren. Annemarie Lehmann erzählt, dass bei den alten Saurer-Bussen die Türen nicht richtig schlossen und Kälte in den Bus zog. Sie entwickelte Rheuma. Irgendwann wurde die gesundheitliche Lage so angespannt, dass sie sich nach der Pensionierung für einen klaren Schnitt entschied: weg vom Norden, hin zum milderen Klima im Süden. Heute lebt sie in Gordola im Tessin. Ein Entscheid der nicht der Postkarten-Idylle, sondern der Gesundheit geschuldet ist: «Das Klima tut mir gut». Und man glaubt ihr sofort, wenn sie sagt, dass sie sich dort wohlfühlt.
Ganz loslassen konnte sie Schaffhausen indes nicht sofort. Auch nach dem Übertritt in den Ruhestand half sie immer mal wieder aus – etwa beim Bahnersatz zwischen Rafz und Schaffhausen. Wenn Bedarf war, war sie da. Ohne grosses Aufheben.
